Migräne

Ist eine komplexe genetische neurologische Erkrankung und mit regulären Kopfschmerzen keineswegs zu vergleichen! Eine Migräne Attacke setzt Patienten höllische Schmerzen und Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen und Störungen des zentralen Nervensystems zu und legt den kompletten Alltag für mehrere Tage lahm. Oft helfen nur gezielte Medikamente und absolute Ruhe.

Was ist Migräne?

Herr Prof. Dr. Göbel, ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel, erklärt Migräne so: "Wir wissen heute, dass das Risiko, Migräne zu erleiden durch die Erbanlagen bestimmt ist. Die 60 heute bekannten Migräne-Risikogene führen dazu, dass Migränepatienten sehr schnell, sehr aktiv denken können, dass sie schon drei Zimmer weiter den Wasserhahn tropfen hören, sehr viel tiefer emotionale Empfindungen wahrnehmen können und oft schon fünf Antworten haben auf Fragen, die noch gar keiner gestellt hat. Man hat Migräne nicht nur während der Anfälle, man hat die Migränebereitschaft und die genetischen Anlagen ein Leben lang, man kann diese nicht abschütteln.

Viele Menschen denken, man müsse nur die spezifische vermeintliche Ursache aufdecken. Am häufigsten wird dabei die Halswirbelsäule vermutet. Andere denken, Migräne trete aufgrund einer Nahrungsmittelallergie oder durch falsche Einlagen auf. Ändert man dies, könne man leben, wie man will. Das funktioniert aber nicht. 

Die Risikogene und die damit verbundene Migränebereitschaft sind fest im Bauplan des Körpers eingewebt, so wie das Geschlecht, die Augenfarbe oder die Haarfarbe. Migräne ist eine komplexe Erkrankung. Menschen, die meinen, es muss nur der eine bestimmte Faktor gefunden werden, werden am Ende enttäuscht. Für die erfolgreiche Behandlung benötigt man in erster Linie zeitgemäßes Wissen zur Entstehung und zum richtigen Verhalten. 

Die Hauptdefizite in der Versorgung liegen in der zu geringen Aufmerksamkeit in der Aus- und Weiterbildung für Migräne und Kopfschmerzen." Während des sechsjährigen Medizinstudiums werden nach Angaben der WHO nur drei Stunden zum Thema Kopfschmerz gewidmet. So ist es leider kein Wunder, das viele Ärzte nicht gut genug informiert sind und es in Deutschland schlichtweg an Schwerpunkteinrichtungen wie der Schmerzklinik Kiel mangelt.

Migräne Auslöser

Bei der Auslösung der Migräne müssen auslösende Faktoren – so genannte 
Triggerfaktoren – von den eigentlichen „Ursachen“ streng getrennt werden. Während die Ursache in einer genetisch bestimmten übermäßigen Reaktionsbereitschaft des Gehirns besteht, können Triggerfaktoren Bedingungen sein, die die Migräne zum Anstoßen bringen. Oft entstehen Migräneattacken allerdings wie aus heiterem Himmel: Auch beim besten Willen lässt sich kein spezifischer Trigger finden. Deshalb sollte man sich nicht grundsätzlich alles verbieten, was man als letztes gegessen oder getan hat. 

Wissenschaftler und Betroffene haben herausgefunden, dass folgende Trigger besonders häufig eine Migräneattacke in Gang bringen:

  • Plötzlicher Stress und Aufregung
  • Abrupte Entspannungsphasen nach starkem Stress 
  • Veränderungen des Tagesrhythmus
  • Ausgeprägte Emotionen 
  • Hormonelle Veränderungen (z.B. Menstruation)
  • Auslassen von Mahlzeiten
  • Überanstrengung und Erschöpfung
  • Wetterwechsel und Föhnwetter
  • Alkohol (insbesondere Wein, Sekt, Bier)
  • Koffeeinentzug (auch von Cola oder Energy Drinkst)
  • Zusatzstoffe wie Glutamat oder Aspartam
  • Histamin-, Nitart- und Tyraminhaltige Lebensmittel (z.B. gereifter Käse)

Lerne die Basics der Migräne Beratung kennen

Ernährung, Trigger & Blutzuckerspiegel

Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten ist ein komplexes Thema und bedarf individuelle Beratung. Hier schneide ich nur einige Punkte an, die im Coaching vertieft werden.

Die allbekannte Trigger-Theorie wird von Wissenschaftlern immer mehr hinterfragt, zwar gibt es typische Auslöser (wie z.b. Alkohol), oft zeigt der  allbekannte Heißhunger auf Schokolade aber schon den Beginn einer Attacke und den letzten Hilferuf vom Körper nach schnell verfügbarer Energie.

Was man sicher weiß, ist, dass eine kontinuierliche Wasser-, Kohlenhydrate- und Sauerstoff-Zufuhr ausschlaggebend für die Energieversorgung unseres hyperaktiven Migräne-Gehirns ist. Dabei ist es sehr wichtig, den Blutzuckerspiegel relativ konstant zu halten. Ein Vollkornbrot vor dem Schlafengehen zum Beispiel kann dem Insulinspiegel-Abfall in der Nacht und somit der Migräne am frühen Morgen entgegenwirken.

Koffein solltest du ähnlich wie deine Mahlzeiten jeden Tag zur gleichen Zeit einnehmen, damit auch der Koffeinentzug keine Migräne auslösen kann.

Eine anti-entzündliche und histaminarme Ernährung mit langkettigen Kohlenhydraten kann außerdem dem Körper helfen Migräne vorzubeugen. 

Alltagsplanung & Schlafrhythmus

Regelmäßigkeit ist das A  und O für uns Migräniker, insbesondere für unseren  Schlafrhythmus, Alltagspausen, Koffeingenuss und die Mahlzeiten.

Eine strukturierte Alltags- und Arbeitsplanung ist ausschlaggebend für eine erfolgreiche Schmerzbehandlung. Wir Migräniker müssen oft lernen, nein zu sagen, unsere Grenzen zu akzeptieren und einzufordern sowie unseren Perfektionismus zu zügeln.

Pausen, um unser überreiztes Nervensystem runterzufahren, sind für uns nicht verhandelbar und sollten planmäßig in den stressigen Alltag integriert werden. Sonst fallen wir irgendwann komplett aus und dann wesentlich länger als für  gezielte Entspannungspausen.

Schlaf hat einen ganz besonderen Einfluss auf Migräne: Zu wenig, aber auch zu viel Schlaf begünstigt Migräne. Es ist für den Körper wichtig, jede Nacht so gut es geht zur gleichen Zeit schlafen zu gehen und sich auch am Wochenende den Wecker zu stellen. Der Samstag ist nicht ohne Grund der statistisch gesehen migränereichste Tag der Woche. Wenn uns die Attacke dann erwischt hat, ist es sehr wichtig dem Körper viel Schlaf zu ermöglichen um die Gehirnaktivität herunterzufahren, denn auch mit Schmerzmitteln läuft die Migräne im Hintergrund weiter.

Nichtmedikamentöse Vorbeugung 

Ausdauersport kann die Häufigkeit und Intensität von Migräne vermindern. Gut geeignet sind Sportarten wie Radfahren, Walken oder Schwimmen sowie entspannende Betätigungen wie Qigong oder Yoga. Leider können hoch-intensive Sportarten mit ruckartigen Bewegungen, wie zum Beispiel ein Squash oder Kampfsport, aber auch Migräne auslösen. Um Migräne vorzubeugen, ist es nämlich wichtig auf einen stabilen Puls und eine gleichmäßige Atmung zu achten, deshalb ist Ausdauersport ideal.

Besonders effektiv in der Vorbeugung von Migräne und Burn-Out sind Entspannungs-techiken, wie zum Beispiel die progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training. Weitere Techniken um den Geist zu beruhigen, mehr im Moment zu sein und Selbstheiliungskräfte zu aktivieren sind unter anderem die Meditation, Achtsamkeit, 4-7-8 Atemtechnik und Hypnose.

Wichtig bei jeder Form von Entspannungstechnik ist, dass man sie gezielt erlernen muss. Am Anfang dauert es etwas, die passende Technik, Stimme, und  Übungsumgebung für sich zu finden. Ich helfe dir deine individuelle Entspannungsmethode zu finden, welche du ganz einfach von zuhause ohne teuren Lehrgang lernen kannst.

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Nahrungsergänzung


Die Studienlage zu natürlichen Nahrungsergänzungen ist vielversprechend. Insbesondere die Kombination von Vitamin B2 (Riboflavin) + Q10 + Magnesium und Omega 3 + Curcuma + Vitamin D haben sich in der Migräne Vorbeugung bewährt. Wichtig ist hier die richtige Dosierung, damit Nahrungsergänzungsmittel überhaupt etwas verändern können. In meinem Coaching erfährst du hierzu mehr.

Der Darm spielt auch eine wichtige Rolle, nicht zuletzt wird er das zweite Gehirn genannt. Um die Darmflora zu unterstützen, gibt es neue Erkenntnisse, dass auch gezielte Probiotika und Darmsanierungen helfen können.

Altbekannte Naturheilmittel zur Migräneprophylaxe sind Mutterkraut und Pestwurz. Bei Pestwurz müssen insbesondere die Leberwerte regelmäßig kontrolliert werden, natürliche Inhaltstoffe heißt nicht immer direkt besser verträglich für den Körper.

Als pflanzliche Alternative bei leichten Kopfschmerzen wird auch manchmal Weidenkraut (pflanzliches Aspirin) in Kombination mit Mutterkraut genommen. Allerdings kann auch Weidenkraut die Magenschleimhaut reizen und die Erfolgschancen bei starker Migräne sind eher gering.

Neue Studien haben herausgefunden, dass während einer Migräneattacke der Melatoninspiegel stark reduziert ist, was zu Schlafstörungen führen kann. Hier kann es helfen, Melatonin vor dem Schlafen zu supplementieren.

Einige Patienten schwören auch auf die Wirkung von MSM (Methylsulfonylmethan) oder PEA (Palmitoylethanolamid). Für PEA gibt es nur eine kleine Studie für Kinder, dass diese aufgrund des geringen Nebenwirkungsprofils von der Einnahme profitieren könnten.

Hochdosiertes CBD Öl kann zusätzlich beim Schlafen und Entspannen unterstützen, eine Migräne-prophylaktische Wirkung konnte aber nicht nachgewiesen werden.

In der TCM und Ayurvedischen Medizin werden Heilkräuter auf den Patiententyp in Form von Tees oder Tabletten individuell zusammengestellt. Auch hier fehlen medizinische Studien, ein Versuch bei einem Spezialisten in Kombination mit z.B. Akpunktur oder Gua-Sha Massagen ist aber bestimmt für den ein oder anderen Patienten interessant. 


Akutbehandlung


Das wichtigste bei der medikamentösen Akutbehandlung ist die 10/20 Regel! Um den weit verbreiteten Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerz (MÜK) zu umgehen, dürfen Kpfschmerzpatienten nur an max. 10 Tagen im Monat Schmerzmittel nehmen und müssen die anderen 20 mit prophylaktischen Maßnahmen überstehen.

Klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen, Aspirin oder Paracetamol alleine wirken bei einer starken Migräneattacke nicht ausreichend und schaden in großen Mengen den Organismus. Von Mischpräparaten wie Dolormin oder Thomapyrin wird von Kopfschmerzexperten abgeraten. Die Langzeitschäden und das Abhängigkeitsrisiko von klassischen Schmerzmitteln sollten nicht unterschätzt werden, nur weil sie frei verkäuflich sind, heißt das nicht, dass sie harmlos sind.

Das Mittel der ersten Wahl bei Migräne ist ein Triptan. Es gibt inzwischen sieben Triptane auf dem Markt: 

  • Sumatriptan (Imigran)
  • Eletriptan (Relpax)
  • Rizatriptan (Maxalt)
  • Zolmitriptan (AscoTop)
  • Frovatriptan (Allegro)
  • Almotriptan (Almogran / als Dolortriptan rezeptfrei)
  • Naratriptan (Naramig / als Formigran rezeptfrei)


Nimm dein Triptan direkt bei den ersten Migränevorboten. Häufig werden Triptane mit anderen Schmerzmitteln, wie z.B. Naproxen kombiniert, um den Wiederkehrkopfschmerz zu vermeiden.

Magenmedikamente wie Vomex, Domperidon oder MCP helfen gegen die Übelkeit. Damit wird das Triptan auch schneller durch die Magen-Schleimhaut aufgenommen. 

Einigen Patienten hilft auch eine Aspirin-Magnesium-Infusion beim Arzt. Opioide helfen bei primären Kopfschmerzerkrankungen nur wenig und werden wegen der hohen Abhängigkeitsgefahr und den Nebenwirkungen von Kopfschmerzesxperten nicht verschrieben. Im Status Migraenosus (wenn die Attacke auch nach 4 Tagen nicht aufhören will) kommt meist Kortison zum Einsatz. 

Seit Kurzem ist in Deutschland Lasmiditan als Triptan-Alternative auf dem Markt.

Medikamentöse Vorbeugung 

Wenn die nichtmedikamentösen Maßnahmen nicht helfen und du mehr als 10  Migränetage im Monat hast und somit diese ohne Medikamente aushalten musst (10/20 Regel), könntest du in Absprache mit deinem Neurologen eine medikamentöse Prophylaxe in Betracht ziehen. Eine Prophylaxe macht auch Sinn, falls du aus gesundheitlichen Gründen (z.B. Herzkrankheit) keine Triptane einnehmen darfst oder alle 7 nicht verträgst. Beim MÜK hilft die Prophylaxe nicht, hier ist eine Medikamentenpause nötig.

Prophylaxen werden als Dauermedikamente eingenommen und haben natürlich auch Nebenwirkungen. Deshalb ist es wichtig, mit deinem Arzt sorgfältig ein passendes Mittel auszuwählen und dieses langsam hoch zu dosieren. Leider sieht man häufig, dass z.b. junge Frauen mit niedrigem Blutdruck ohne Blutdruck/Pulskontrolle auf Blutdrucksenker eingestellt werden, und dann starke Nebenwirkungen bekommen. Hier wären dann andere Alternativen passender.

Mittel der Wahl für Migräne-Prophylaxen sind: 

  • Betablocker (Metoprolol, Propranolol, Bisoprolol) 
  • Antiepileptika (Topiramat, Valproinsäure, Lamotrigin) 
  • Antidepressiva (z.B. Amitripty-lin, Duloxetin, Trimipramin)
  • Calciumkanalblocker (Flunarizin)


Bei chronischer Migräne (15 Kopfschmerztagen pro Monat und davon mind. 8 Migränetage seit mind. drei Monaten) und nach gescheiterten Versuchen der oben genannten Prophylaxen  werden auch folgende Behandlungen eingesetzt:

Botox (Nur beim Kopfschmerz-spezialisten nach festgelegtem Migräne-Injektionsschema durchführen lassen!) 


CGRP Antikörper Spritzen:

  • Erenumab (Aimovig)
  • Fremanezumab (Ajovy)
  • Galcanezumab (Emgality)
  • Eptinezumab Infusion

 

Des Weiteren sind nun die ersten CGRP-Rezeptor-Antagonisten Atogepant (Aquipta) und Rimegepant (Vydura) verfügbar. 


Die Antikörper und Gepanten sind stark durch die Medien gegangen und versprachen viel Hoffnung. Allerdings muss man nach einigen Jahren Erfahrung nun relativieren, dass auch diese Medikamente bei manchen Patienten nicht anschlagen. Ein Allheilmittel gegen Migräne sind sie leider nicht. Umso wichtiger, dass wir Migräniker einen holistischen Ansatz annehmen und uns nicht nur auf Medikamente verlassen.



Mehr über Migräne und die neue Antikörpern mit 
Phia Quantius, Prof. Dr. Holle-Lee und mir.

Akutbehandlung

Bei der Attackenbehandlung gilt es drei  wichtige Grundsätze zu beachten: 1. so schnell wie möglich 2. mit gezielten Migräne Medikamenten und 3. mit der richtigen Dosis zu behandeln.

Es bringt meistens nichts abzuwarten, ob die Migräne wohl nicht so schlimm wird und lieber nur eine halbe Tablette am Anfang zu nehmen, um dann später mit der doppelten Dosis nachzulegen. Je später gezielte Schmerzmittel, so genannte Triptane, an den Rezeptoren andocken können, desto größer sind die Entzündungsprozesse und Erweiterungen der Gefäße schon voran geschritten. Unten lernst du mehr zu Triptanen und vorbeugenden Maßnahmen, damit es im besten Fall gar nicht zur Attacke kommt.


Mehr über Medikamentenübergebrauchs-
kopfschmerzen (MÜK) erfahren

Fazit

Die Migräne beruht auf einer genetisch vererbbaren Funktionsstörung des Gehirns und dessen Strukturen, die für die Schmerzverarbeitung und Schmerzentstehung verantwortlich sind. Bei Migränikern ist außerdem die Hirnrinde überempfindlich und äußere Reize werden stärker wahrgenommen, als bei Menschen ohne Migräne. Bis heute sind über 60 Gene identifiziert, die für die Vererbung der Migräne eine Rolle spielen. Migräne ist also leider nicht heilbar, sondern kann nur durch einen holistischen Ansatz von gesunden Verhaltensänderungen, mentaler Gesundheit und individuell abgestimmten Medikamenten verbessert werden.